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Geschichten eines Medieninformatikers

Wie Sinnvoll ist Artikel 11?

Ist Artikel 11 wirklich sinnvoll?

Aktuell wird sehr viel über die neue Urheberrechtsreform diskutiert. Gefühlt findet diese Diskussion überwiegend online statt. Dabei steht vor allem Artikel 13 im Fokus der Diskussion. Doch Artikel 11 verdient ebenfalls Beachtung.

Disclaimer

Bevor ich tiefer in die Materie von Artikel 11 einsteige, will ich zu erst ein paar Fakten schaffen:
Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn die letzten vier Jahre in der Werbebranche gearbeitet. Dabei war ich 3 Jahre als Konzepter und Consultant in einer der größten Werbeagenturen der Welt beschäftigt. Ich weißt genau wie Online-Werbung und Suchmaschinen funktionieren. Ich weiß auch durch die Teilnahme an Seminaren die von Google selbst geleitet wurden, wie genau Google sein Geld verdient. Und ich will eine ganz wichtige Sache vorweg schicken: Artikel 11 zielt ganz klar auf Google News ab. Google selbst verdient aber über Google News direkt kein Geld. Was genau Google News für einen Nutzen hat, dazu später mehr.

Ausgangssituation

Um zu verstehen, was es genau mit Artikel 11 auf sich hat, muss man die Situation der Verlage analysieren und verstehen:
Als das Internet ganz am Anfang war, verkauften sich Zeitungen noch sehr gut. Die Verlage entdeckten, dass man die eigene Website als zusätzliche Einnahmequelle nutzen kann, in dem man den Besuchern dort ebenfalls Werbung präsentiert. An dieser Stelle passierte der erste fatale Fehler der Verlage, denn man erkannte nicht, dass die Zukunft im Internet lag und die eigene Website absolut nicht einfach eine zusätzliche Einnahmequelle war, sondern schon bald wichtiger sein sollte als die Druckerzeugnisse selbst.

Um viele Besucher auf die eigene Webseite zu locken (und um entsprechend Werbegelder abkassieren zu können) boten die Verlage ihre Inhalte kostenlos auf den eigenen Seiten an. Es gab natürlich keine ausführlichen 4 Seitigen Artikel zu einem Thema, sondern vor allem die aktuellen Themen des Tages. Also eigentlich das, was eine Zeitung ausmacht: Nachrichten.

Die Nutzer entdeckten wie einfach es war, statt morgens beim Frühstück die Zeitung aufwendig auseinander zu falten, die Tagesnachrichten einfach als Feed auf dem Handy oder Tablet zu lesen. War es morgens auch mal hektisch, konnte man die Zeitung auf dem Handy einfach mitnehmen und in der Bahn lesen. Oder im Büro zur ersten Kaffee-Pause. Die Menschen gewöhnten sich an die kostenlosen und immer aktuellen Nachrichten. 

Doch etwas störte das Lesevergnügen: Die immer penetranter werdende Werbung. Pop-Ups, Full Banner, Wallpaper Banner und wie sie alle heißen, versuchten die Aufmerksamkeit der Nutzer zu bekommen in dem sie wild vor sich hin blinkten oder ganze Videos abspielten. War das alles noch nicht genug, wurde es spätestens mit dem aufkommen des sog. "Retargetings" gruselig. "Retargeting" beschreibt etwas, was jeder von uns kennt: Man schaut sich auf einem Online-Shop ein paar Schuhe an, verlässt den Shop und schon auf der nächsten Website die man aufsucht werden einem genau diese Schuhe auf einem Werbebanner präsentiert. Ab hier wird der Einsatz von Werbeblockern immer beliebter.

Inzwischen bietet sich den Verlagen folgendes Bild: Die eigenen Zeitungen werden nicht mehr verkauft, dadurch sinken die Einnahmen an Verkauf und Werbung. Die Nachrichten im Internet werden überwiegend kostenlos angeboten und die Werbung durch Werbeblocker blockiert. Dadurch brechen den Verlagen auch online die Werbeeinnahmen weg. Das Ganze ist wirklich so dramatisch, dass im Jahr 2018 am BGH ein Prozess geführt wurde, in dem der Axel-Springer Verlag gegen AdBlock Plus prozessierte.

Also muss aus Sicht der Verlage eine neue Einnahmequelle her. Abo-Angebote auf den Verlagswebseiten verkaufen sich kaum, da die Nutzer die meisten Nachrichten nach wie vor kostenlos bekommen. Aus Sicht der Verlage gab es aber noch ein anderes Problem: Wird ein Artikel bei Facebook geteilt oder bei Google News gelistet, dann gibt es eine kleine Vorschau. Diese Vorschau besteht aus der Headline, einem kurzen Anreißertext und einem kleinen Bild. Aus Sicht der Verlage klicken aber zu wenige Menschen auf diese Links, da ihnen die Vorschau bereits ausreicht. So zumindest die offizielle Begründung des Axel Springer Verlages.

Google News Beispielbild
So sieht die Artikel-Vorschau bei Google News aus.

Wie man sich selbst das Wasser abgräbt

Google als Einnahmequelle zu wählen scheint einfach. Immerhin gibt es keinen Internetkonzern, der wertvoller ist und mehr Geld aus dem Internet abschöpft als Google. Also muss man irgendwie an dieses Geld heran kommen. Und das macht man am besten über ein neues Gesetz. Die Lobbyarbeit von Axel Springer trägt Früchte und man darf (Achtung, Gerücht!) das Gesetz selbst schreiben. Nach ein paar Monaten ist es fertig: Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger.

Inhaltlich ist es schnell zusammen gefasst und nebenbei bemerkt auch identisch zum neuen Artikel 11: Für die sog. Snippets sollen kommerzielle Anbieter eine Lizenzgebühr entrichten. Dies soll außerdem sicherstellen, dass nur die Verleger selbst das Recht haben ihre Nachrichten im Internet kommerziell nutzen zu dürfen.

Um zu verstehen, warum das überhaupt keine gute Idee ist, muss man sich Google News selbst anschauen und verstehen wie Google genau daran verdient:

Google News ist ein Dienst den Google >FÜR< die Verlage eingerichtet hat. Wie jeder weiß, ist die Suchmaschine der Kern von Google. Doch in den Suchmaschinen gehen Nachrichten sehr schnell unter, da sie eigentlich zwischen normalen Seiten und Blogs gelistet werden müssten. Um die Nachrichten besser hervorzuheben, hat Google den News Bereich eingerichtet. Das ist für die Verlage besonders gut, denn Google bringt auf diese Weise sehr viele Besucher auf die Verlagsseiten und spült damit viele Werbeeinnahmen in die Kassen der Verlage.

Doch welchen Nutzen zieht Google aus dem News-Bereich? Nun im ersten Moment keinen Finanziellen, denn es gibt KEINE Werbung auf Google News. Es werden nur die Nachrichten der Verlage gelistet.
Was für Google relevant ist, ist nur die Information auf welchen Artikel ein Nutzer geklickt hat. Denn das hilft Google dabei sich ein Bild vom Nutzer zu machen. Und die Interessen des Nutzer zu kennen, ist für Google essenziell. Denn Google ist im Werbemarkt deshalb so erfolgreich, weil Google auf den Nutzer perfekt abgestimmte Werbung ausliefern kann. Das ganze geht sogar soweit, dass Google eine schwangere Frau erkennt, bevor sie selbst merkt, dass sie Schwanger ist. Einfach weil sich das Suchverhalten ändert.

Nun ist, wie oben beschrieben, Google News also ein Service für die Verlage. Kostenlose Werbung, kann man sagen. Dass die Verlage nun per Gesetz erreichen wollten, dass Google ihnen für diese Werbung Geld zahlen soll, hat Google verständlicherweise überhaupt nicht gefallen. Also was macht Google? Es kürzt die Snippets auf das erlaubte Maß und sortiert auch Zeitungsverlage aus dem Index aus. Dadurch merken die Verlage erst einmal, wie wichtig Google News überhaupt ist und wie falsch die Einschätzung war, dass die Nutzer durch die kurzen Snippets die Nutzer eher davon abhalten die Verlagsseiten zu besuchen, denn die Besucherzahlen gehen sehr stark zurück und damit auch die Werbeeinnahmen.

Sehr kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes erteilen so ziemlich alle Verlage eine Gratislizenz an Google. Die Besucherzahlen steigen wieder, der Status Quo ist wiederhergestellt und das LSR ist offiziell gescheitert.

In Spanien gab es ebenfalls den Versuch das LSR einzuführen, nach deutschem Vorbild. Dort hat Google den Newsbereich komplett abgeschaltet.
Warum? Nun weil der Newsbereich nur ein kleiner Teil ist, mit dem Google ein Profil über seine Nutzer erstellt. Fällt der Newsbereich weg, wird das Bild nur unwesentlich unschärfer. Zu glauben es wäre mit einem europaweiten LSR / Artikel 11 anders, ist absolut fatal und zeigt wiedereinmal wie wenig die Verlage aus der Misere gelernt haben.

Abschließend ist folgendes zu sagen: Das LSR in Deutschland hat seit seiner Einführung die Verlage ca 8 Millionen Euro gekostet und Google hat genau 0 Euro gezahlt. Das wird sich auch mit Artikel 11 nicht ändern.

Ich verstehe die Situation der Verlage. Man ist verzweifelt und versucht über Gesetze das Geld dort einzutreiben wo es vermeintlich steckt, versteht aber die Zusammenhänge des Internets nicht und gräbt sich so das eigene Wasser ab.

Statt einen Artikel 11 mit aller Gewalt durchdrücken zu wollen, sollten sich die Verlage lieber zusammen schließen und eine Art Spotify für Online-Nachrichten gründen. Ein Abo-Dienst der nicht mehr als 9€ im Monat kostet, der aber Zugang zu allen "Plus" bzw Abo Inhalten aller Online-Zeitungen werbefrei ermöglicht. Denn wer will schon je ein Abo für Bild, Welt und Spiegel abschließen. Fangt endlich mal an digital zu denken liebe Verlage, dann klappt es auch mit den Einnahmen.

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