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Geschichten eines Medieninformatikers

Überstunden in der Werbung

Uhr hinter Gitter

Es ist eines der größten Vorurteile der gesamten Werbebranche: Man muss viele Überstunden machen. Aber was ist dran an dem Vorurteil und wie schützt man sich davor?

“Geh bloß nicht in die Werbung!” haben sie gesagt. “Da wirst du verbraucht bevor du 30 bist!” haben sie gesagt. “Die machen jeden Tag Überstunden!” haben sie gesagt. Und was habe ich getan? Ich bin trotzdem in die Werbung gegangen. Aber war es schlimm? Nein, zumindest sicher nicht schlimmer als jeder andere Bürojob auch. Man muss aber beachten, dass in den meisten Arbeitsverträgen der Werbebranche steht, dass alle oder ein gewisser Teil der Überstunden mit dem Gehalt abgegolten sind. Das ist bei vielen Unternehmen anderer Wirtschaftssektoren anders, scheint aber immer mehr aufzuweichen.

Meine Erfahrungen im Detail

In meiner ersten Agentur gab es eine sehr kulante Überstundenregelung: Innerhalb eines Monats waren 10 Überstunden mit dem Gehalt abgegolten. Jede weitere wurde auf ein Überstundenkonto übertragen und gutgeschrieben. Man konnte jedoch auch Überstunden bereits vor Ende des Monats abbauen. Hatte man also am 20. eines Monats 8 Überstunden angehäuft, so gab es 2 Möglichkeiten: 1. Man versucht in den verbleibenden Tagen mindestens drei weitere Überstunden anzuhäufen sodass mindestens eine Überstunde auf das Überstundenkonto übertragen wurde (die restlichen 10 verfielen) oder man konnte bis zum Monatsende einen ganzen Tag frei machen und die angefallenen Überstunden abbauen. Für die Werbung, sehr kulant und fair.

Bei meinem zweiten Arbeitgeber war es anders. Hier stand ebenfalls „10 Überstunden inklusive“ im Arbeitsvertrag, jedoch gab es kein Überstundenkonto und abfeiern durfte man Überstunden auch nicht. Nicht nur sehr dubios sondern auch illegal und für mich zunächst ein Schock. Trotzdem habe ich es dort 3 Jahre ausgehalten. Denn hier gab es ein Phänomen, dass ich von meiner ersten Stelle nicht kannte: Um Punkt 18 Uhr, war die Agentur wie leer gefegt. Man achtete schlicht drauf keine Überstunden zu machen und pünktlich zu gehen. Im Nachhinein, bin ich sogar froh, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Sie hat mich geprägt und hilft mir jeden Tag dieses Verhalten beizubehalten.

Denn jetzt in meiner 3. Agentur ist es wieder so wie am Anfang, nur mit dem Unterschied, dass hier alle Überstunden mit dem Gehalt abgegolten sind. Viele meine Kollegen sitzen hier noch bis weit nach 20 Uhr. Jeden Tag! Ich jedoch nicht. Ich gehe pünktlich. Wieso ich das kann? Weil ich habe gelernt "Nein!" zu sagen.

Nein-sagen

Was hat es mit diesem "Nein-sagen" auf sich? Um das heraus zu finden muss man sich über folgendes bewusst werden: Regelmäßige Überstunden sind das Kapital der Agenturen auf kosten der Freizeit Ihrer Mitarbeiter. Ich rede hier explizit von regelmäßigen Überstunden, denn es kann immer mal vor kommen, dass es an einer Ecke richtig brennt und man eben mal länger machen muss. Diese außerplanmäßigen Überstunden kommen überall vor und sind auch nicht das Problem. Problematisch wird es erst, wenn man regelmäßig länger sitzt als man eigentlich sollte.

Und bei den Leuten die hier länger sitzen, habe ich inzwischen 2 Typen ausgemacht.

  1. Der Ja-Sager
  2. Der Single

Ich will zu erst etwas zum Single sagen:
Der Single hat keine Familie oder auch keinen Partner/keine Partnerin, die zu Hause auf ihn wartet. Er ist sozusagen mit der Arbeit verheiratet und verbringt, weil er in der Regel nichts besseres zu tun hat, seine freie Zeit am Abend mit arbeiten. Auffällig sind jedoch die Freitage, denn hier geht der Single fast pünktlich. Wahrscheinlich um noch in Bars oder Clubs zu gehen.

Nun zum Ja-Sager:
Der Ja-Sager ist seiner Arbeit verpflichtet und sieht es als seine Aufgabe an, niemanden weg zu schicken der Arbeit für ihn hat. Und so kommt es, dass von allen Seiten immer mehr Leute Arbeit beim Ja-Sager abladen, da er ja belastbar scheint, sich selten beklagt und immer brav "Ja" sagt.
Und hier wird es gefährlich! Im Gegensatz zum Single sitzt der Ja-Sager nämlich nicht zum eigenen Vergnügen auch noch nach Arbeitsschluss an seinem Platz, sondern weil es ja "soooo viel zu tun gibt" und er "viel zu wenig Zeit für viel zu viel Arbeit hat". Für alle die sich nun angesprochen fühlen: Es tut mir Leid, falls ich euch auf den Schlips trete. Es ist nicht meine Absicht arrogant zu wirken, sondern ich will euch wach rütteln, denn es muss nicht so sein. Ihr geratet dadurch in einen Sog, der euch immer weiter hinunter zieht. Wenn man nicht lernt "nein" zu sagen und ständig länger sitzt als man sollte, dann wartet am Ende kein Pokal den man für den "besten Arbeiter" überreicht bekommt, sondern im schlimmsten Fall ein Burn-Out. Schützt euch davor und besteht auf eure freie Zeit. Nutzt diese um euch zu regenerieren.

Die Gefahr

Das Motive, wieso man sich häufig zu viel Arbeit auflädt ist meistens: Angst. Angst  vor den Kollegen schlecht dazustehen. Angst  vom Chef gerügt zu werden, dass man nicht fertig geworden ist. Ja sogar Angst entlassen zu werden.

Ich kann das verstehen, ich hatte das auch mal. Aber ich habe mich davon befreit, denn ihr müsst euch über folgendes im Klaren sein: Wenn ihr dauerhaft überlastet seid, dann ist das eine Spirale in die Tiefe. Durch Überlastung und Angst, steht ihr unter Dauerstress. Das führt dazu, dass ihr selbst in eurer Freizeit nicht mehr richtig abschalten könnt und nur noch ans Arbeiten denkt. Ihr fangt an jede freie Minute dafür zu nutzen eure Arbeit zu machen: Kurze Mittagspause mit Fastfood (wenn man überhaupt Pause macht), Mails schon morgens in der Bahn beantworten, damit man das schon erledigt hat bevor man ins Büro kommt etc.
Durch diesen Stress schläft man schlechter, ist müde und unausgeruht, was sich direkt auf eure Arbeit auswirkt: ihr macht Fehler und braucht länger und dadurch sitzt ihr auch länger. Und so geht es weiter, bis man psychisch total am Ende ist.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach es gar nicht soweit kommen zu lassen.

 

Die Lösung

Um dem ganzen zu entkommen oder gar nicht erst in diese Spirale hinein zugeraten gibt es 3 einfache Schritte, die man beachten sollte. In der Regel ist es nämlich so, dass Überstunden zustande kommen, in dem 2 (oder mehr) Aufgaben zeitlich miteinander kollidieren.

  1. Fangt an die Zeit die ihr für eure Arbeit braucht ordentlich einzuschätzen und macht euch einen Zeitplan.
    Das sollte eigentlich keinem richtig schwer fallen, denn wenn man z.b. eine Website entwickelt, merkt man direkt zu Beginn wie lange man dafür in etwa brauchen wird. Habt ihr den Arbeitsaufwand geschätzt und wisst wie lange ihr dafür braucht, dann wisst ihr auch wie viel mehr ihr am gleichen Tag noch machen könnt.
  2. Schätzt bei Zusatzaufgaben ein, ob sie euren Zeitplan gefährden.
    Kommt nun also ein Projekt Manager auf euch zu und fragt euch ob ihr XY machen könntet (es sei nicht viel Arbeit und super dringend - wie immer), dann rechnet erst einmal im Kopf durch ob euch diese Zusatzaufgabe zeitlich aus der Bahn werfen könnte. Tut sie das nicht, könnt ihr sie problemlos annehmen. Tut sie das aber doch, müsst ihr argumentieren, dass ihr dafür im Moment keine Zeit habt und es frühestens zum Zeitpunkt X abarbeiten könnt. Gibt der Projekt Manager an dieser Stelle nicht auf, kommt die 3. Stufe.
  3. Verweist Projekt Manager an andere Projekt Manager.
    Lässt der besagte Projekt Manager also nicht locker, dann verweist ihn an den Projekt Manager, an dessen Aufgabe ihr aktuell sitzt und sagt, dass die Projekt Manager diese terminliche Überschneidung unter sich klären sollen. Denn im Prinzip ist es euch egal welche Aufgabe ihr wann erledigt. Das Timing erhaltet ihr vom Projekt Manager. Und schießt etwas quer, dann ist es nicht eure Aufgabe beide Arbeiten parallel abzuarbeiten sondern Aufgabe der Projekt Manager untereinander zu klären welche Aufgabe jetzt wichtiger ist. Oft ist dann doch eine der beiden Aufgaben nicht ganz soooo dringend und ihr erhaltet dann vom Projekt Management die genaue Anweisung, welche Aufgabe ihr zu erst erledigen sollt.

So schafft ihr es dann pünktlich zu gehen und alle Seiten sind zufrieden.  Dazu verrate ich euch jetzt noch ein Geheimnis:
Wenn ihr beide Aufgaben "ohne Murren" übernommen und dafür Überstunden gemacht hättet, dann wäre das allen Beteiligten (außer euch) ziemlich egal gewesen. Ihr hättet keinen besonderen "Dank" geerntet, weil man es von euch ja so kennt und erwartet. Dadurch, dass ihr die Aufgabe aber erst mal zurück weist, stärkt ihr euch in eurer Position. Das ist auch wichtig wenn ihr mal in höhere Etagen kommen wollt. Dort braucht man keine Leute die allem blind folge leisten und immer "Ja" sagen, sondern selbstbewusste Menschen, die wissen wo Schluss ist. Der Clou ist: Seid ihr zufällig doch früher fertig und könnt am Abend "unerwartet" doch beide Aufgaben abliefern, dann seid ihr der "Held" und euch wird sicherlich gedankt.

Werbung und Überstunden

Ihr seht also: mit der richtigen Einstellung und etwas Selbstbewusstsein, ist es gar nicht so schlimm in der Werbung zu arbeiten. Man muss zwar schon hier und da mal den eigenen Kopf durchsetzen, wenn es um Überstunden geht und auch mal "nein" und somit den Projekt Managern sagen, dass ihr komplett Dicht mit Arbeit seid, aber es funktioniert. Und wenn ihr doch mal alles schneller fertigt habt, werdet ihr besser geschätzt als derjenige der die Überstunden macht.

Wie ist eure Erfahrung mit Überstunden. Schreibt mir in den Kommentaren, wie ihr das handhabt. Würde mich sehr interessieren.

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